Ein Nachbar über den Ort

Reinfried ist ein Mieter am Rosa-Luxemburg-Platz hinter der Volksbühne. Die Autor*innen haben ihn während der Erarbeitung des Projekts kennengelernt und ihm nachträglich Fragen gestellt, um die Besonderheit der Nachbarschaft herauszustellen.

Reinfried, was ist der für dich auffälligste Wandel in deiner Nachbarschaft gewesen?

Das ist schon der Umbruch, wenn ich nicht Wende sagen soll. Obwohl meine Straße sehr unverändert geblieben ist, hat sich das ganze Viertel und auch die ganze Innenstadt doch erheblich gedreht. Ich kann mir die Bilder gar nicht mehr vorstellen… Erstens war wirklich alles grau. Und zweitens war es keine “City” in dem Sinne. Und es ist in einem sehr schnellen Tempo, aber auch relativ unauffällig, ungeheuer belebt worden. Auch die Leute haben sich gewandelt. Es ist international geworden. Also ich erinnere mich noch genau, dass ich in den ersten drei, vier Monaten nach dem Umbruch immer wieder mit Freunden und Gruppen durch die Stadt gezogen bin und denen die Ecken gezeigt habe, die ich noch kannte. Ich bin ja Stadtläufer, dadurch habe ich also quasi täglich gesehen, was sich ändert. Das war am Ende so, dass ich nicht mehr wusste, was eigentlich vorher da war. Nur, dass es grau war. Also eigentlich ist es, wenn ich die Augen zumache, so wie es immer war. Das ist paradox, denn es ist ja ziemlich anders.
In meiner Straße und meinem direkten Umfeld hat sich sehr wenig verändert, also in diesem Bereich hier. Die Häuser sind saniert worden, das ist es nicht. Wir werden sehen was sich mit dem Verlagsgebäude, das gerade an der Straßenecke gebaut wird, ändert.

Und was ist das Besondere an dieser Gegend hier? Manche sagen, dass es hier gar keinen “Kiez” gibt, andere behaupten das Gegenteil – warum?

Das ist so eine Ambivalenz, das Unvollendete. Wie gesagt: Wir haben hier noch alte Verhältnisse. Selbst die Galerie, die super modern ist, ist verpennt. Da passiert nichts. Und die davor war genauso. Auch dieser große Bau gegenüber, die Volksbühne, hat in dem Sinn ja keine Ausstrahlung. Das ist natürlich ein tolles Gebäude, aber die Leute, Theaterleute und Gäste bleiben Fremde, die hier nur mal reinkommen und dann wieder gehen. Und trotzdem gehört es zu uns, wenn ich das so sagen kann. Auch diese veränderte Volksbühne gehört zu uns, auch wenn wir die Rückseite sehen, die völlig anders ist, als die Vorderseite.
Die Architektin aus meiner Straße hat das sehr klug erklärt: Wir haben so eine Art von Viertel, das durch die großen Straßen am Rand nach Außen abgegrenzt wird. Intern haben wir nur Sackgassen, die man gar nicht mehr mitkriegt. Da ist eigentlich keine wirklichen Kommunikation.

Hat das Projekt, unsere Arbeit für dich eine Veränderung mit der Nachbarschaft gebracht?

Ja, deutlich! Also zunächst hat das ein Kennenlernen gebracht. Ich wohn ja schon lange hier und wir sind ein sehr offenes Haus, das kenne ich sehr gut. Aber ein paar Hausnummern weiter ist dann Schluss. Es gab ja gar keine Gelegenheit! Auch beim Einkaufen, wo man sich noch über den Weg laufen könnte. Die Zeit, die Muße um Hallo zu sagen ist nicht, sondern da wird dann eingekauft. Ich bin ganz sicher, dass sich sowas spontan nicht ergibt. Wir hocken in den Wohnungen und haben Freunde außerhalb. Manche, so wie die Leute in unserem Haus, sind durch besondere Ereignisse – bei uns eine Nachbarin – aufgeschlossen, aber ansonsten ist das ne Selbstisolation. Das hat eine gewisse Schutzfunktion, eine Anonymität, die erfreulich ist, aber die eins nicht hat: Nachbarschaftliche Beziehung!
Nachbarschaft ist für mich eigentlich die konkrete Form von Gesellschaft. Alles andere ist für mich Überbau, wenn ich das sehr scharf formuliere. Hier leben Individuen außerhalb von Familienstrukturen, die sehr zwingend und eng sind, nebeneinander und miteinander und können sich abwechseln. In unserem Haus hat das geklappt. Das ist schön sowas aufzubauen, aber das geht nicht von alleine!
Das Projekt hat sowas durch die interviews, die ihr immer wieder freundlich und offen, aber hartnäckig gemacht habt mit angestoßen. Ich muss sagen, dass das eine intellektuelle Belebung war. Ihr seid junge Leute, ne ganz frische Truppe, die sehr offen ist. Das findest du sonst kaum. Das ist so ein Stückchen Öffnung in die Welt hinein und auch eine Übertragung an die Atmosphäre hier. Das hat mich belebt, keine Frage! (lacht)

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